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30.03.2011
DI Dr. Adi Groß

"Lösung liegt im Prozess"

Das Interview mit DI Dr. Adi Groß, Leiter Energieinstitut Vorarlberg, Landesenergiekoordinator, führte TGA-Chefredakteurin Barbara Fürst-Jaklitsch.

TGA: Herr Doktor Groß, Sie werden beim Ersten Österreichischen TGA-Energieautarkie-Kongress zum Themenblock „Gigantische Märkte – Die Zukunft der Energiewirtschaft“ referieren. Wie sieht diese Zukunft Ihrer Ansicht nach aus?

 DI Dr. Adi Groß: Eigentlich kann man das so auf den Punkt bringen: Es hat nur die Energiewirtschaft eine Zukunft, die sich diesem Ziel – Energieintelligenz, erneuerbare Energieträger, Dienstleistungsorientierung – vollständig widmet. Es gibt keine Alternative. Andere Zugänge sind bestenfalls mittelfristig oder gaukeln vor einfach so weitertun zu können (Atomenergie, CCS, effizientere Verbrennungsmotoren etc.).

TGA: Klimaschutz und Energie- und damit Umweltbewusstsein sind in Bezug auf Österreichs Energieautarkie ausschlaggebende Faktoren und eine Frage der Einstellung. Welche Maßnahmen müssten Ihrer Ansicht nach gesetzt werden um dieses Umdenken auf breiter Basis zu initiieren?

DI Dr. Adi Groß: Im Grunde brauchen wir eine Wertediskussion. Machen wir uns doch nichts vor. Wachstum auf Basis weiter zunehmenden Ressourcen- und Energieverbrauchs ist nicht möglich. Die Klima- und Energiediskussion ist damit notwendigerweise eine Systemdiskussion. Tatsächlich geht es um andere Haltungen und um andere Messgrößen (Wohlfahrtsindex/ Glückindex). Was ist wirklich wichtig für eine hohe Lebensqualität, welche und wie viel materielle Güter (und Geld) brauchen wir dafür? Wie verteilen wir die Arbeit neu? Auf persönlicher Ebene ließen sich die Fragen auch so formulieren: Wie wohne ich? Wie bin ich mobil? Wie ernähre ich mich? Welche und wie viele Güter kaufe ich? Wir sollten endlich beginnen solche Fragen öffentlich zu diskutieren. Das sehe ich als eine sehr vornehme politische Aufgabe an. Damit lassen sich dann auch die großen und essenziellen Maßnahmen, wie eine planbare und wirkmächtige Besteuerung von endlichen Ressourcen, einführen, die für sich wiederum die Werthaltungen beeinflussen.


DI Dr. Adi Groß

Bild: tga

 


TGA: Welche Trends gibt es Ihrer Ansicht nach bei Erneuerbarer Energie und Energieautarkie?

DI Dr. Adi Groß: Dazu scheint mir besonders wichtig festzuhalten, dass Energieautarkie keine Technologie – sondern eine gesellschaftspolitische Diskussion ist. Die technischen Mittel sind im Wesentlichen da. Technologisch wird es natürlich Weiterentwicklungen geben, z. B. bei der Photovoltaik, die eine große Zukunft hat, oder bei Speichertechnologien. Im Gebäudebereich wird sich das Passivhaus, einfach weil es die klügste Variante mit der höchsten Wohnqualität ist, durchsetzen. Als zu Hinterfragen erachte ich den energiepolitischen Nutzen von digitalen Kontrolltechnologien (Smart Meter, elektronisches Haus, Wegerfassungen, etc.).

TGA: Der Untertitel des TGA-Kongresses lautet: „Österreichs Weg in die Energieautarkie“, wie könnte dieser Weg aussehen? Und: welche Zeitspanne wird dieser Prozess Ihrer Ansicht nach umfassen?

DI Dr. Adi Groß:
Ich bin überzeugt, dass die Lösung im Prozess selbst liegt. Also wie gehen wir diesen Weg? Dazu ist es erforderlich neue Wege in Beteiligungs- und Partizipationsprozessen zu beschreiten. Denn von so einem Ziel sind schlichtweg alle Gruppen und Politiker betroffen. Das kann nicht mehr sozusagen einfach verordnet werden. Nicht unerwähnt sollte allerdings bleiben, dass es so ein Ziel in Österreich formal gar nicht gibt. Wir haben uns ja nicht einmal auf die Reduktionsempfehlungen des IPPC bis 2050 verpflichtet. Wir haben nicht einmal eine beschlossene bzw. implementierte Energiestrategie 2020. Gerade darum ist aber die Diskussion über Energieautarkie besonders wichtig.

TGA: Sie sind Leiter des Energieinstituts Vorarlber und Landesenergiekoordinator. Welche Vorstellungen haben Sie von der Energiezukunft Vorarlbergs? Wie lässt sich Energieautonomie in Vorarlberg konkret erreichen?

DI Dr. Adi Groß:
Der Landtag hat einen einstimmigen Beschluss zur Energieautonomie (im Übrigen unter Einbeziehung der Mobilität) gefasst (Zieldatum 2050). Das ist großartig und ermutigend, man hat sich damit eine für alle sichtbare Latte gelegt. Dem ging ein Visionsprozess voraus, der qualitativ aufzeigt, dass Energieautonomie, wenn wir das tun, was wir heute bereits können und wissen, möglich ist. Kern und größte Herausforderung ist dabei die Reduktion des Energieverbrauchs, im Visionsszenario um rund 62 % (!). Das geht. Ob es gelingt werden wir sehen. Ich setze dabei unter anderem darauf, dass sich ein eigendynamischer zivilgesellschaftlich-politischer Prozess entwickelt. Unterstützt werden soll dieser mit einer entsprechenden Kampagne.

TGA: Der Umstieg auf Erneuerbare Energie ist für Industrie, Gewerbe und auch den Privaten nicht zuletzt eine finanzielle Frage, eine Frage der entsprechenden Förderungen. Welche Erwartungen haben Sie in diesem Zusammenhang an die österreichische Politik? Welche Maßnahmen erscheinen für Sie in diesem Zusammenhang Erfolg versprechend?

DI Dr. Adi Groß:
Es ist nicht zuletzt eine finanzielle Frage, aber auch nicht zuerst. Wir sind in Österreich sehr förderverwöhnt. Bei knappen Haushalten werden wir nicht umhinkommen, wenn wir das Ziel ernst nehmen, über einen anderen Mix zwischen Anreizsystemen und Ordnungsmaßnahmen zu reden. Mit etwas Mut ließen sich viele Millionen einsparen und zielorientiert neu einsetzen (das betrifft Bund und Länder). Vor allem sind hier Effizienzstandards in allen Bereichen zu nennen. Darüber hinaus könnten wir z. B. versuchen, etwa nach Schweizer Vorbild, wirklich wirksame Branchenvereinbarungen zu entwickeln. Und, endlich, wäre ehest möglich das Steuersystem neu zu orientieren. Es müssen die Güter und Dienstleistungen teurer werden, die unsere Zukunftschancen schmälern.

www.energieinstitut.at

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