14.05.2008
Raumkunst

Architektur im Gleichklang

Einem Musiker und seiner Familie komponierte t-hoch-n-Architektur ein skulpturales, dreigeschossiges Haus in den Hang, das nach allen Regeln der Raumkunst den Ausblick zelebriert.

An der Straße gibt sich der Baukörper zurückhaltend nieder, um dann unter einem dramatisch ansteigenden Dach dem Höhepunkt des auskragenden Musikzimmers zuzustreben. Wie ein Klangkörper schwebt der akustisch abgetrennte Holzleichtbau über die Küche hinweg der Natur entgegen. Hier kann der Bauherr mit Blick ins Wohnzimmer und in die Landschaft konzentriert arbeiten. Geschlafen wird am Garten, mit einer Außentreppe und einer Innenstiege lässt sich dieses Haus vielschichtig erschließen und bewohnen.


Der langgestreckte Baukörper des „Haus H“ wurde in den Südhang gebaut

 

 


Sechs Sonnenkollektoren sorgen für die Warmwasserbereitung und zur Heizungsunterstützung

 

 

Im Gleichklang

Musik und Architektur haben einiges gemeinsam: was der einen der Takt, ist der anderen das Maß. Beide Disziplinen schöpfen ihren Reichtum aus der Komposition atmosphärisch unterschiedlich gestimmter Klang- und Raumsequenzen, die sich im Lauf von Zeit und Bewegung sinnlich erfahren lassen. Der Bauherr ist Berufsmusiker aus Leidenschaft, auch seine Frau singt bei ihm im Chor, beide kommen vom Land und wollten ihre Kinder wohlbehütet im Grünen aufwachsen sehen. Doch ihr Haus sollte nicht nur der Familie, sondern auch der Musik eine Heimstatt bieten. Es brauchte einen Raum, in dem er sich ungestört dem Studium seiner Partituren widmen und mit Kollegen im kleinen Kreis proben konnte. Hier sollte kein Schall nach außen dringen und der Blick frei über weite Landschaft schweifen.


 

 

 

„Wir haben bisher nur in Altbauten gewohnt: der Gartenbezug war uns wichtig und dass die Räume hoch sind,“ sagt die Baufrau. „Wir wollten kein repräsentatives Haus, sondern ein Refugium zum familiären Rückzug. Andererseits wird oben viel gesungen, es sollte auch musikalisch etwas stattfinden können.“ Das Grundstück am Ende einer kleinen Wienerwaldgemeinde war ein Glücksfall, die t-hoch-n-Architektur auch. „Ihre Häuser haben alle eine gemeinsame Handschrift, aber sie sind trotzdem individuell. Das hat uns gefallen,“ sagt die Baufrau. „Wir wussten nicht, wie unser Haus aussehen wird, aber wir vertrauten den Architekten.“ Die meißelten dem Südhang, von dem man über die Nachbarn hinweg auf unberührte Felder sehen kann, eine monolithische Hausskulptur auf den Geländerücken, die nach allen Regeln der Raumkunst den Ausblick zelebriert und auf drei Ebenen dem Schlafen, Wohnen und Musizieren das richtige Ambiente schafft. Für den zarten Schimmer sorgt der Metallic-Anstrich mit seinen reflektierenden Pigmenten: wie ein wertvoller Stein, der in der Sonne zu glänzen beginnt, liegt der langgestreckte Baukörper nun in der Landschaft.

Viele Wege, viel Aussicht

Die Straße ist im Norden, dahinter fällt das Gelände abrupt drei Meter ab: also betteten die Architekten das Untergeschoss so in den leicht modellierten Hang, dass die drei Schlafzimmer an raumhohen Glasfronten direkt am Garten zu liegen kommen. Jedes hat eine Tür auf den gedeckten Arkadengang, von dem die Kinder zu ihren Schaukeln laufen können. Seine Stützen bilden gleichsam die Basis für das umlaufende Terrassenband, das sich vorm Panoramaglas am luftraumüberhöhten Reich des Wohnens darüber ums westliche Hauseck windet und mit einer Außenstiege gleichsam in den Garten abrollt. Hier liegt quasi der Hintereingang an den dienenden Räumen. Der Keller, das Lager für die Pellets, mit denen die Fußbodenheizung hochökonomisch gespeist wird, die Werkstatt des Bauherrn und die Sauna sind in den Hang gegraben. Das Bad aber mit dem vorstehenden Über-Eck-Fenster am Wannenende und die Innenstiege haben schon Sonne und Aussicht. Die lichtdurchlässige Flachstahlbrüstung dieser metallenen Treppe lässt an die Saiten eines Instruments denken: Sie endet direkt auf der Galerie vorm Musikzimmer. Ein dreieckiges Fenster erhellt den Schlafflur, dessen Schlussakkord eine zweite gläserne Tür in den Garten bildet. Sie sorgt für Durchblick am Gang und bietet eine weitere Zugangsmöglichkeit. Der offizielle Eingang liegt hinterm Carport an der Straße: hier gibt sich das Haus verschlossen und zurückhaltend nieder. „Es macht sich klein,“ sagt t-hoch-n-Architekt Gerhard Binder. Zwei verputzte Nebenraumboxen bilden quasi die Marksteine an der Grundgrenze und vorm Eingang einen großen, gedeckten Vorbereich aus, von dem man wie von einem Balkon an der Westseite des Hauses entlang den Hang hinabsehen kann. Sacht steigt dahinter das Dach an, bis es in einem fulminanten Finale mit den Wandflächen des Musikzimmers zur umfassenden Klammer verschmilzt.

Dramaturgie der Räume

„Wir haben den Zugang absichtlich schmal gestaltet, damit dann die Weite im Wohnraum umso stärker wirkt,“ sagt Gerhard Binder. Der Vorraum wirkt wie eine künstliche Schlucht, die von einem Oberlicht geheimnisvoll erhellt wird und den Schritt zwei Mal ums Eck am Gäste-WC vorbei ins Wohnzimmer lenkt. Wie im Breitleinwand-Format zeigt sich hier das Wienerwald-Panorama durch die Glasfront im Süden, die sich im Osten ums Eck zieht und im Westen dem Luftraum über dem Wohnbereich in seine stolze Höhe folgt. Hier scheint der Himmel durchs aufgerissene Raumeck zu kippen, das Mauerband darunter aber gibt der Sitzgruppe Rückendeckung. Das in lichter Höhe weit vorstehende Dach schützt die ausladende Terrasse vor Witterung und folgt mit seiner Neigung auch der Treppe in den Garten.


Die Beheizung der Räume erfolgt ausschließlich über Fußbodenheizflächen

 

 

Wie eine Skulptur wirkt der gemauerte Kamin mit der integrierten Bank an der Wandscheibe, die den Wohnbereich abschließt. Er wird von der Brüstung der Galerie verbrämt, die gleichzeitig Zugang und informelles Pausenfoyer für das Musikzimmer darüber ist. Wie ein Flaggschiff schwebt seine weiße Untersicht über Küche und Essplatz hinweg der Landschaft entgegen. Auf der Galerie haben die Eltern ihr Bad und Schlafzimmer, der krönende Höhepunkt aber ist der Musikraum. „Das war das Wichtigste,“ sagt Architekt Gerhard Binder. „Der Bauherr wollte konzentriert arbeiten können, aber doch nicht ganz losgelöst von der Familie sein.“ Schallgedämmt und akustisch abgekoppelt, ruht er als eigene Holzleichtbaukonstruktion auf dem Sockel der Küche. Die Wandnische an seinem stillen Hinterende birgt Archiv und Bibliothek des Bauherren, vom Fenster seines Arbeitstisches sieht er die Morgenröte über den Hügeln aufsteigen. Von dem auskragenden, über-eck-verglasten Platz, an dem sein Flügel steht, aber kann der Blick hinunter ins Wohnzimmer und weit über die Felder hinaus schweifen.


Projektdaten Haus H in E, 3032 Eichgraben (NÖ) |

Architekten: t-hoch-n-Architektur; Heumühlgasse 10; 1040 Wien
Projektleitung: Gerhard Binder/Peter Wiesinger
Mitarbeit: Gerhard Dorninger
Statik: kppk ZT-Gmbh (D.I.Petraschka); Castellezgasse 36-38/4A, 1020 Wien
Installation: Fa. Ing. Heinrich Kerschbaum Installationen, Gewerbegebiet 1, 2100 Stetten (Korneuburg)
Ausführende Firmen: WK-Ideen Beteiligungs GmbH&Co (Wien), Jäger Bau (Wien), Tischlerei Fellinger (Sitzendorf)
Planungsdaten:
Planungsbeginn: Oktober 2005
Planungsende: Juni 2006
Baubeginn: Juli 2006
Bauübergabe: Juni 2007

Konstruktion

Schalsteine, Ziegel, STB-Decke; teilweise Holzriegelwände

Haustechnik

Pelletsheizung mit Solarpaneelen am Dach, Boden- und Wandheizung

Die Beheizung des Gebäudes erfolgt ausschließlich über Fußbodenheizflächen, die in exponierten Räumen durch Wandheizflächen ergänzt wurden, so dass sehr niedrige Vorlauftemperaturen zur Beheizung ausreichen.

Niedrigste Vorlauftemperaturen waren die Zielvorgabe, um eine höchstmögliche Effizienz der solaren Heizungseinbindung zu erreichen.

Heizflächen: Mehrschichtverbundrohr Fabrikat PIPE-LIFE verlegt auf Noppenplatte

Heizzentrale:  Pelletsheizkessel / Fabrikat ÖKOFEN; Pellematic PE 15 mit einer
Heizleistung von 5 – 15 kW.  Pelletsförderung durch Schneckenaustragung aus dem nebenliegenden Lagerraum.
Heizungsregelung für zwei Heizkreise

Solaranlage: Warmwasser- und Heizungsset Fabrikat Sonnenkraft – Comfort plus für  Warmwasserbereitung und Heizungsunterstützung bestehend aus:
Puffer-Speicher COMFORT plus PSC1000 
6 Stk. Kollektoren SK500L   um 45° auf das 7° geneigte Pultdach aufgeständert; -
Kollektorfläche 15,42 m2    
Schichtlademudul SLM50 inkl. SLMPVS
Frischwassermodul FWM35 inkl. FWSPVS zur hygienischen Warmwasserbereitung.